Thomas Lievens Ente und Götterspeise

Rezept in "Es muss nicht immer Kaviar sein"
Thomas Lievens Ente auf chinesischer Art
Thomas Lievens Ente auf chinesischer Art
Götterspeise nach dem Rezept von Thomas Lieven
Erläuterung

Published in: on September 22, 2013 at 7:00 pm  Comments (12)  

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12 KommentareHinterlasse einen Kommentar

  1. Das sieht hammerlecker aus. Gibt es auch ein Rezept dazu? :-)

  2. Freue mich, dass die Fotos anscheinend doch ansprechend genug aussehen, um solch eine Nachfrage zu provozieren.

    Ich war vom Aussehen dieses Gerichtes nämlich eigentlich ein wenig enttäuscht, da es meines Erachtens dem dafür betriebenen Aufwand kaum gerecht wird. Aber immerhin war die Soße grandios – und seien wir ehrlich: Entscheidend ist letztendlich der Geschmack!

    Selbstverständlich wird hier demnächst auch eine Beschreibung folgen, wie ich bei der Zubereitung vorgegangen bin, sowie in diesem Fall eine Begründung, warum ich ein Gericht aus diesem Buch nachkochte.

    Momentan bin ich zeitlich jedoch leider etwas arg eng,
    sodass das noch ein bisschen dauert.

    Die ganz Ungeduldigen können aber auf dem oberen Foto rechts schon das Rezept entziffern, an welchem ich mich orientierte.

    Gourmandise

  3. Heute will ich zumindest die Begründung, warum ich ein Gericht aus einem Buch nachkochte, liefern:

    Die, die mich persönlich und/oder bereits länger kennen, können sich sicherlich vorstellen, wie sehr ich mich freute, als ich Anfang September entdeckte, dass Shermin Arif sich entschloss in ihrem Blog den kulinarisch-bibliophilen Dauerevent „Lesehunger“ einzurichten.

    Der bzw die ein oder andere hatte zuvor ja auch schon mitbekommen, wie sehr ich bedauerte, ihren Aufruf zum ersten Lesehunger-Event verpasst zu haben, hätte ich doch gleich gewusst, aus welchem Buch ich ein Rezept nachkochen würde. Glücklicher Weise kamen bei dem Lesehunger-Event auch ohne einen Beitrag von mir, schon so viele wirklich nette Beitrage zusammen, dass Shermin das Wagnis eines Dauerevent eingehen kann.

    Bei der ersten Runde des Dauerevents wollte ich dann aber auf jeden Fall dabei sein und so zog ich sogleich das Buch, welches meines Erachtens bei diesem Thema unbedingt dabei sein muss, aus meinem Bücherregal und versenkte mich erneut in dieses, um die verschiedenen Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen und mich letztlich für ein Rezept zu entscheiden.

    Am Ende entschied mich dafür, den Dauerevent „Lesehunger“ als Anlass zu nutzen, mich endlich an das Gericht heranzuwagen, das nachzukochen mich schon bei der ersten Lektüre als Jugendliche gereizt hatte. Außerdem ist die zugehörige Szenerie im Buch einfach schön. ;-)

    Wie man auf dem ersten Foto sehen kann, besitze ich eine sehr schöne Ausgabe des Buches „Es muss nicht immer Kaviar sein“ von Johannes Mario Simmel.
    Die Szene, für die ich mich entschied, befindet sich ungefähr in der Mitte des Romans. Bevor ich sie (in einem späteren Kommentar) zitiere, sollte ich darum vielleicht ein paar Worte vorweg schicken, um denjenigen, die das Buch noch nicht lasen, den Einstieg zu erleichtern.
    Ich habe daraus dann aber ’nur‘ die beiden Gerichte nachgekocht, die der Hauptprotagonist Thomas Lieven zubereitete. Für zwei Personen war das eigentlich auch schon mehr als man essen kann.

    Ich hielt mich beim Nachkochen so nah wie irgend möglich an die Vorgaben im Roman. Im folgenden Kommentar werde ich aber dennoch beschreiben, wie ich vorging, da das Rezept im Buch offensichtlich für Personen notiert wurde, die so viel Erfahrung beim Kochen haben, dass nicht jeder einzelne Schritt im Detail beschrieben werden muss.

    Es freut mich, nun berichten zu können, dass ich meine Entscheidung in keinster Weise bereute:

    Das erneute Schmökern in diesem Buch hat mir Freude bereitet.
    Der Erwerb der erforderlichen Zutaten auf dem Markt und im Asia-Shop hat Spaß gemacht.
    Das Kochen war zwar durchaus etwas aufwendiger, aber alles klappte hervorragend.
    Das Ergebnis schmeckte ausgezeichnet.

    Ach, ich bin richtig froh, dass ich bei diesem Blog-Event dabei bin. :-)

    Gourmandise

  4. Schön, aus diesem Buch was zu sehen- der Gedanke streifte mich auch nur weiß ich garnicht wo das Buch abgeblieben ist, wir sind so oft umgezogen. Ich hoffe noch auf ein Rezept…

  5. Liebe Gourmandise,

    ich freue mich auch, dass du beim Blogevent dabei bist. :)
    Und über die Bilder würde ich nicht meckern, der Anblick deiner Ente lässt mir jedes Mal das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ich freue mich schon auf die Rezepte. Johannes Mario Simmel setzt wirklich einiges an Wissen voraus, da hast du Recht. Aber hast du wirklich mit Glutamat gewürzt? Das hatte das köstliche Tier doch bestimmt nicht nötig. :)

    Liebe Grüße

    Shermin

  6. Liebe Shermin,
    die Ente hätte sicherlich kein Glutamat benötigt. Aber „wenn schon denn schon“ war ich im Rahmen des Erwerbs der benötigten Zutaten tatsächlich im Asia-Shop und habe die kleinste verfügbare Packung Glutamat erworben, um das erste Mal in meinem Leben dies zu verwenden. Es scheint auch nicht geschadet zu haben… ;-)
    Gourmandise

    PS:
    Rezept folgt. Versprochen!

  7. Für alle, die nun schon seit über einem Monat darauf warten, nehme ich mir heute die Zeit, endlich zu verraten, wie ich bei der Zubereitung der Ente vorging.

    Zutaten

    1 „nicht zu fette Fleischente“ (die Verkäuferin am Geflügelstand auf dem Markt, wusste diese Bezeichnung zu deuten und gab mir eine entsprechende, bereits küchenfertig gerupfte und ausgenommene Ente), 1 mittelgroße Zwiebel, 1 Ecke Sellerie, 2 dicke Möhren, 1 etwa handlanges Stück Lauch, etwas Sonnenblumenöl, 1 Liter Wasser (ob ich doch mehr Wasser verwendete, weiß ich nicht mehr genau, da ich mir diesbezüglich leider keine Notiz machte, beim Nachkochen sollte man darum schauen, ob das so ausreichend aussieht), 1 Tomate, 1 halbe Handvoll Semmelpilze & 1 halbe Handvoll Schafspilze (für diese Pilzsorten entschied ich mich, da Johannes Mario Simmel bestimmt geschrieben hätte, wenn er Champignons oder Steinpilze gemeint hätte, da er diese bei anderen Gerichten explizit benennt), noch etwas Sonnenblumenöl, 2 EL Mehl, 4g Glutamat (ja, ich habe Glutamat verwendet, schließlich wollte ich so nah wie möglich am Rezept bleiben), etwas Salz, etwas Pfeffer, etwas Zucker, 1/2 kleine Ananas

    Vorgehensweise

    Zunächst entbeint man die Ente.
    (Dabei fand ich die Videos Arthurs Tochter kocht – Arthurs Tochter entbeint ein Huhn Teil 1 und Teil 2 sehr hilfreich zur Orientierung, wie man dabei grundsätzlich vorgeht. Meine gelösten Fleischstücke – insbesondere die von den Schenkeln – sahen zwar zum Teil etwas arg eingeschnitten aus, aber insgesamt ging es viel leichter als von mir im Vorfeld befürchtet. Die Brüste waren mir sogar sehr gut gelungen.)

    Zum Abschluss macht man drei Haufen. Einen bestehend aus der Haut. Einen bestehend aus der Karkasse, die man mit einer Geflügelschere in handlichere Stücke zerteilt, den weiteren Knochen, dem Hals und den beim Entbeinen im Inneren gefundenen, verwendbaren Innereien. Einen bestehend aus dem befreiten Fleisch.

    Die Zwiebel abziehen und grob würfeln.
    Den Sellerie schälen und ebenfalls grob würfeln.
    Die Möhren waschen und in dicke Scheiben schneiden.
    Den Lauch abspülen und in breite Ringe schneiden.

    In einem größeren Topf etwas Sonnenblumenöl erhitzen. Darin zunächst die Haut auslassen. Dann die Haut rausnehmen, aber für die spätere Verwendung bei Seite legen. Die Zwiebeln, den Sellerie und die Möhren recht schart anbraten bis sich am Boden eine leichter, brauner Bodensatz bildet. Mit dem Wasser ablöschen. Den Lauch zufügen und den Haufen Ente, zu dem die Karkassenstücke gehören, sowie die Entenhaut ebenfalls hineingeben. Kurz aufkochen. Den Deckel auflegen und bei reduzierter Hitzezufuhr 2 Std. köcheln lassen.

    Kurz bevor die 2 Stunden um sind, schneidet man das Entenfleisch in mundgerechte Stücke (auch wenn mir das bei meinen so schön ausgelösten Entenbrüsten ein wenig leid tat).

    Dann putzt man die Pilze und schneidet diese ebenfalls in mundgerechte Stücke.

    Außerdem enthäutet man eine Tomate, entsorgt den Stielansatz und schneidet sie in kleine Würfel.

    Wenn die 2 Stunden vergangen sind, nimmt man die Karkassenstücke und die Geflügelknochen aus der Suppe (je nachdem wie sorgfältig man beim Entbeinen gearbeitet hat, kann man diese noch einwenig abklauben oder nur entsorgen) und gießt den Rest erst durch ein Sieb in eine Schüssel, wobei man den Siebinhalt gründlich ausdrückt und dann den Schüsselinhalt durch ein feineres Sieb zurück in den Topf. Da ich über keine Fettreduzierkanne verfüge, schöpfte ich mit einer kleinen Soßenkelle sodann dass obenauf sich abtrennende Fett vorsichtig ab. (Wichtig: Aufheben! Daraus kann man später leckeres Schmalz zubereiten!) Dann maß ich etwa 400ml Brühe ab, die ich für das weitere Gericht verwenden wollte.

    In einem Bräter erhitzt man sodann etwas Sonnenblumenöl und brät darin dann die Entenfleischstücke unter regelmäßigem Wenden bis sie schön braun sind. Dann bestäubt das Fleisch mit 2 EL Mehl und lässt dieses noch einen Moment mit an, bevor man mit 400ml Brühe ablöscht.

    Die Tomatenwürfel sowie die Pilzstücke zufügen. Das Glutamat einrühren. Mit aufgelegtem Deckel eine halbe Stunde auf kleiner Flamme schmoren lassen.

    Kurz bevor die halbe Stunde um ist, schneidet man aus der Ananas vier dickere Scheiben heraus, die man auch in mundgerechte Stücke schneidet.

    Dann nimmt man den Deckel vom Bräter, rührt um und schmeckt dann mit Salz, Pfeffer und Zucker ab.

    Zum Abschluss mischt man die Ananasstücke unter und lässt alles zusammen noch ohne Deckel etwa eine Viertelstunde köcheln.

    Zu Basmati-Reis servieren.

  8. Der vollständigkeithalber sei folgend auch verraten, wie ich bei der Zubereitung der Götterspeise vorging, auch wenn ich diese so nicht wieder zubereiten würde, denn für meinen – und vermutlich auch allgemeiner für den heutigen – Geschmack, war das doch zu sahnig.

    Zutaten
    (für 2 Nachtischschalen, wie abgebildet)

    1 Glas Sauerkirschen, 200g Schlagsahne, 4 Esslöffel Zucker, 5 Scheiben Pumpernickel, 10 Esslöffel Maraschino, 4 Esslöffel Raspelschokolade

    Vorgehensweise

    Die Sauerkirschen in ein Sieb gießen und gut abtropfen lassen. (Die Flüssigkeit aus dem Glas wird für dieses Rezept nicht benötigt und kann somit getrunken werden.)

    Die Sahne zusammen mit dem Zucker in eine Rührschüssel geben und dann steif schlagen.

    Je 1 1/2 Scheiben Pumpernickel zerbröseln und damit den Boden je einer Nachtischschale bedecken. Jeweils mit 3 Esslöffeln Maraschino beträufeln. Darauf eine Lage Sauerkirschen verteilen. Darüber eine Schicht Sahne verstreichen. Oben auf jeweils eine Scheibe Pumpernickel verbröseln, die mit jeweils 2 Esslöffeln Maraschino beträufelt werden und mit etwa der Hälfte der Raspelschokolode bestreut werden. Darauf eine weitere Lage Sauerkirschen verteilen, wobei man mindestens zwei Sauerkirschen bei Seite legt. Als letzte Schicht den Rest der Sahne obenauf geben und auf die Spitze je eine der zurückbehaltenen Sauerkirschen setzen.

    Die beiden Nachtischschalen einige Stunden kalt stellen, um die Götterspeise vor dem Verzehr durchziehen zu lassen.

    • Das Rezept aus dem Roman wurde von meiner Ururgroßmutter bereits zubereitet. Anstelle des Maraschinos hat sie immer Kirschschnaps genommen. In diesem wird das „Schwarzbrot“ über Nacht eingelegt.

      • Hallo Peter,

        Maraschino gibt es zwar schon seit über 250 Jahren, hätte somit eigentlich auch schon von Deiner Ururgroßmutter genutzt werden können, doch Kirschschnaps war wahrscheinlich aus der näheren Umgebung verfügbar und erfüllte den Zweck sicherlich ebenfalls.

        Vielen Dank jedenfalls für diesen Kommentar, der mich an diesen Nachtisch erinnert hat. Mir war der – wie oben geschrieben – zwar zu sahnig, hatte mir dann aber eigentlich überlegt, dass man vielleicht mal ausprobieren könnte, statt der Sahne Joghurt zu nehmen, kam jedoch darüber hinweg.

        Das werde ich jetzt zeitnah nachholen…
        Gourmandise

  9. Wie angekündigt, schicke ich dem Zitat der Szene, zu der die beiden nachgekochten Gericht gehören, eine kurze Einführung für diejenigen vorweg, die dieses Buch noch nicht kennen.

    Der erstmals 1960 erschienene Roman „Es muss nicht immer Kaviar sein“ wird im Nachwort meiner Ausgabe als „Schelmenroman“ bezeichnet – und auch wenn ich deutliche Unterschiede zu dem Schelmenroman “ Der abenteuerliche Simplicissimus“ sehe, finde ich diese Einordnung irgendwie doch passender als eine Zuordnung zum modernen Agenten-Thriller-Genre, ist der Hauptprotagonist doch nur Agent wider Willen, der sich jedoch mit viel Einfallsreichtum und Gewitzheit immer wieder aus der Affaire ziehen kann, wobei fast stets die Zubereitung eines Gerichtes eine wesentliche Rolle spielt.

    Die eigentliche Geschichte beginnt am 24. Mai 1939 und die Rahmenhandlung endet am 2. Januar 1959, umspannt also nahezu 20 Jahre, in denen Thomas Lieven (zum Teil nacheinander, zum Teil parallel) von verschiedenen Geheimdiensten zur Zusammenarbeit genötigt wird.

    Die Szene, die ich ausgewählt habe, ist im November 1940 angesiedelt. Thomas Lieven wurde kurz zuvor von Chantal Tessier aus Portugal über die grüne Grenze nach Frankreich zurück geschmuggelt, wo sich herausstellte, dass sie die Chefin einer Marseiller Gaunerbande war.
    Als er kurz darauf vom französischen Geheimdienstes dazu aufgefordert wird, dabei zu helfen, französische Verräter, die mit der Gestapo zusammenarbeiten, zu überführen, kommt ihm dieser Kontakt zustatten, denn zur Ausführung seines Plans benötigt er eine ganze Menge Goldbarren und Chantal organisiert, dass der Zahnarzt Dr. René Boule, ein Experte auf diesem Gebiet, einige für ihn fälscht.

    Folgend zitiere ich aus meiner 1964 als Lizenzausgabe von Bertelsmann herausgegebenen Ausgabe erst noch ein paar einführende Sätze von den Seiten zuvor, bevor ich dann die eigentliche Szene komplett wiedergebe:

    Der eine Herr, ein muskulöser Riese mit rötlichem Bürstenhaar nannte sich Bastian Fabre und hieß auch so.
    Der andere Herr war elegant gekleidet und gut erzogen. Er nannte sich gerade Pierre Hunebelle, aber er hieß nicht so. Er hatte sich bis vor kurzem Jean Leblanc genannt und hieß in Wahrheit Thomas Lieven. […]
    Sie sprachen kaum miteinander, denn sie hatten sich eben kennengelernt.
    [S. 232]

    Sie betraten das Haus und klingelten an der Tür. Die Tür ging auf. »Da seid ihr ja endlich«, sagte René Boule. Er war der kleinste Mann, den Thomas Lieven in seinem Leben gesehen hatte, und der zierlichste. Er trug einen weißen Mantel und einen goldgefaßten Zwicker und ein funkelndes, einmalig schönes falsches Gebiß.
    [S. 234]

    Er wandte sich an Thomas. »Wenn es Sie interessiert, können Sie zusehen, junger Mann. Man weiß nie, wozu man so etwas noch braucht.«
    »Da haben Sie recht«, sagte Thomas und hob, sich selber anklagend, die Augen zum Himmel.
    Bastian brummte: »Ich habe das schon hundertmal gesehen, ich werde mal gehen und uns was zu fressen holen.«
    »Aber bitte etwas Kräftiges«, sagte der Zahnarzt, »die Schmelzerei strengt an.«
    »Zahlt alles die Chefin. Was soll’s denn sein?«
    Der kleine Mann schmatzte: »Henri unten im Haus hat ein paar schicke Enten vom Land reinbekommen, die verschiebt er schwarz, bevor der Kerl von der >Contrôle économique< sie erwischt. Süße kleine Enten. Wenig Fett und zarte Knochen. Wiegt eine höchstens drei Pfund.«
    »Na, dann will ich mal gehen und uns zwei unter den Nagel reißen«, meinte Bastian und verschwand.
    [S. 235]

    Bastian kam zurück. Er brachte zwei kleine, feste Enten und zwei Pfund Kastanien mit und begab sich in die Küche.
    Thomas sah noch eine Weile dem begabten Zahnarzt zu, wie er die Gipsziegel herstellte. Dann ging er in die Küche, um hier zuzusehen. Dabei erstarrte er vor Widerwillen. Von Goldbarrenfälschung verstand er nichts. Von Enten verstand er eine ganze Menge. Und was hier mit einer Ente geschah, empörte seinen Feinschmeckerstolz. Kopfschüttelnd trat er neben Bastian, der mit aufgekrempelten Ärmeln beim Fenster arbeitete. Er hatte ein Tier ausgenommen und rieb die Fleischteile nun innen und außen mit Salz ein.
    »Was soll denn das?«, fragte Thomas Lieven streng.
    »Was heißt, was soll denn das?«, knurrte Bastian gereizt. »Ich mache eine Ente. Paßt Ihnen was nicht?«
    »Barbar.«
    »Was haben Sie gesagt?« Der Riese schluckte.
    »Ich habe Barbar gesagt. Ich nehme an, Sie wollen Ente vom Rost machen.«
    »Allerdings!«
    »Das eben nenne ich barbarisch.«
    »Sieh mal an!« Bastian stemmte die Fäuste in die Hüften, vergaß Chantals Ermahnungen, lief vor Wut rot an und brüllte: »Was verstehen Sie denn vom Kochen, Sie kleiner Klugscheißer?«
    »Ein wenig«, antwortete Thomas fein. »Jedenfalls so viel, um sagen zu können, daß Sie hier ein Verbrechen begehen.«
    »Ich war Schiffskoch. Und ich habe mein Leben lang Enten nur am Rost gemacht!«
    »Dann haben Sie ein Leben lang ein Verbrechen begangen. Von anderen nicht zu reden.«
    Im allerletzten Moment fielen Bastian die Ermahnungen Chantals ein. Er nahm sich wahnsinnig zusammen. Er legte beide Pfoten auf den Rücken, um zu verhindern, daß sie sich selbständig machten und etwas Unbedachtes taten. Seine Stimme klang gepreßt: »Und wie, hm, würden Sie eine Ente zubereiten, Monsieur Hunebelle?«
    »Selbstverständlich nur auf chinesische Art…«
    »Ha!«
    »…weil allein die Zubereitung mit Ananas und Gewürzen den feinen Entengeschmack unverfälscht erhält, ja mehr noch, ihn erst richtig herausarbeitet und unterstreicht!«
    »Lächerlich«, sagte der Riese. »Vom Rost, das ist das einzig Senkrechte!«
    »Weil Sie eben keine Eßkultur kennen«, sagte Thomas. »Gentlemen bevorzugen chinesisch.«
    »Hören Sie mal, Sie feiner Pinkel, wenn Sie damit sagen wollen…«, begann Bastian und wurde von dem kleinen Zahnarzt unterbrochen, der ihn am Ärmel zupfte.
    »Was ist los, Bastian? Warum streiten? Wir haben doch zwei Enten! Versucht doch beides, Rost und chinesisch! Ich habe noch stundenlang zu tun.«
    Bastian knurrte: »Du meinst ein Wettkochen?«
    »Meine ich«, sagte der Kleine und schmatzte wieder, »ich mache euch den Schiedsrichter!«
    Bastian begann plötzlich zu grinsen. Er fragte Thomas: »Sind Sie einverstanden?«
    »Selbstverständlich. Ich brauche allerdings gewisse Zutaten. Pilze. Tomaten. Ananas. Reis.«
    Der Zahnarzt kicherte: »Gehen Sie runter zu Henri. Henri hat alles.« Er klatschte vergnügt in die Hände. »Jetzt wird’s gemütlich! Ich bringe Euch etwas bei! Ihr bringt mir etwas bei! An die Gewehre, Mitbürger!«

    Danach entwickelte sich in Küche und Laboratorium des Dr. René Boule ein geschäftiges Treiben.
    Während Bastian seine Ente mit Knoblauch abrieb, Kräuter hinzufügte und das Tierchen mit der Brust nach unten auf den Rost des Ofens legte, entbeinte Thomas Lieven das seine, zerhackte die Knochen und bereitete aus diesen und dem Entenklein eine kurze, kräftige Brühe. Während er darauf wartete, dass die Brühe kochte, ging er zu dem Künstler, der im Labor arbeitete und sah ihm bei seiner Tätigkeit zu.
    Dr. Boule hatte in sieben Kuchenformen mittlerweile sieben dünne Goldwannen hergestellt. Nun füllte er die erste von ihnen mit flüssigem Blei. Der Zahnarzt sprach: »Das Blei erkalten lassen. Jetzt ist nur noch eine Seite der Goldverkleidung offen. Man lege eine Schamotteplatte darauf, damit das Blei nicht wieder flüssig wird, wenn es mit dem flüssigen Gold in Berührung kommt. Diese letzte Schamotteplatte ist sehr wichtig. So vermeidet man Verfärbungen der Goldoberfläche, die jeden Fachmann misstrauisch machen würden.«
    Thomas wanderte in die Küche zurück, um nach seinem Süppchen zu sehen, schnitt das Entenfleisch in Stücke und wanderte zurück ins Labor, um nach seinen Barren zu sehen.
    Dr. Boule hatte mittlerweile in einem Tiegel wieder Gold flüssig gemacht und goß dieses nun über die Schamotteplatte in die Kuchenform. Er sprach: »Man warte, bis die Schaumkronen verschwunden sind. Das Gold setzt sich von selber. Die Oberfläche muss einen kleinen erhöhten Rand haben – wie ein Stück Schmierseife. Nun, bevor das Metall erkaltet ist, schnell das Wichtigste: die Punze.«
    »Bitte, die was?«
    »Die Punze. Der Prägestempel, der die Echtheit und den Goldgehalt ausweist.« Dr. Boule schrie in die Küche. »Was für einen Stempel soll ich nehmen, Bastian?«
    »Scheideanstalt von Lyon!« schrie der Riese zurück. Er bepinselte gerade sein Tierchen mit ausgebratenem Fett.
    »Na schön«, sagte Dr. Boule. »Ich habe nämlich eine ganze Sammlung von Punzen der verschiedensten Scheideanstalten und Banken.« Er zeigte sie Thomas. »Ich habe sie als Negativ in Linoleum geschnitten und die Linoleumstücke auf Holzklötze geklebt. Nun passen Sie auf!«
    Er nahm den entsprechenden Prägestempel und beschmierte das Linoleum mit Olivenöl. Sodann drückte er den Stempel in eine Ecke der noch weichen Goldoberfläche des ersten Barrens. Zischend verbrannte der Ölfilm. Blitzschnell hob Dr. Boule den Stempel wieder ab, bevor das heiße Metall das Linoleum zerstören konnte. Der Augenblick des Aufpressens hatte genügt. Der Barren trug jetzt den Stempel genau so, als wäre er hineingeschlagen worden.
    Der Zahnarzt sagte: »Die Unebenheiten, die Asche, die Schwitze – das alles lasse ich am Barren. Echte Barren werden auch nicht gereinigt.«
    »Und daß der Betrug entdeckt wird?«
    »Praktisch ausgeschlossen.« Dr. Boule schüttelte den Kopf. »Der Bleikern ist jetzt auf allen Seiten von einer drei Millimeter dicken Goldschicht umgeben. Der Käufer prüft mit einem Ölstein und mit Salzsäure. Er kratzt mit dem Stein über eine Kante des Barrens und hat danach einen Goldstrich auf seinem Stein. Den betupft er jetzt nacheinander mit verschiedenen Säurekonzentrationen, die den verschiedenen Karatgehalten entsprechen. Wenn der Goldstrich stehenbleibt, handelt es sich um zweiundzwanzigkarätiges Gold. Na, und um solches handelt es sich doch wirklich!«
    Plötzlich begann der Zahnarzt zu schnüffeln. »Liebe Himmelsmutter, riecht das gut! Ist das jetzt Ihre Ente oder seine

    Das Essen nahmen die Herren eine Stunde später schweigend zu sich. Sie verspeisten zuerst die Ente vom Rost und danach die chinesische Ente. Nebenan kühlten die ersten drei Barren aus. Und still war es, andächtig still in Dr. René Boules kleinem Speisezimmer.
    Zuletzt wischte Bastian sich den Mund ab und sah den Zahnarzt mit zusammengekniffenen Augen an. »Also, los, René, welche war besser?«
    Dr. Boule sah unglücklich von einem der Köche zum anderen, von Thomas zu Bastian, von Bastian zu Thomas. Bastians Riesenpfoten öffneten und schlossen sich krampfhaft.
    Der kleine Doktor stotterte: »Das kann man unmöglich in drei Worten sagen, lieber Bastian… Auf der einen Seite ist deine Ente… aber auf der anderen Seite natürlich…«
    »Ja-ja-ja«, sagte Bastian. »Du hast die Hosen voll, dass ich dich verkloppe, was? Dann will ich also den Schiedsrichter spielen. Die chinesische war besser!«
    Er grinste und schlug Thomas auf den Rücken, daß der sich verschluckte. »Ich glaube, ich bin älter. Ich trage dir das Du-Wort an für deine Ente. Ich heiße Bastian.«
    »Sag Pierre zu mir.«
    »Ich war ja ein lebenslanger Trottel mit meiner Ente vom Rost! Pierre, Junge, daß ich dich nicht früher getroffen habe! Weißt du noch so ein paar Rezepte?«
    »Einige, ja«, antwortete Thomas bescheiden.
    Bastian strahlte. Plötzlich betrachtete er Thomas voller Sympathie und Hochachtung. Seine Verfressenheit hatte einen Sieg über seine Eifersucht davongetragen:
    »Pierre, weißt du, was ich glaube? Ich glaube, das ist der Beginn einer prima Freundschaft!«
    Bastian glaubte es zu Recht. 1957, in einer Villa an der Cecilien-Allee zu Düsseldorf, sollte diese Freundschaft noch so frisch und stark sein wie an diesem ersten Tag. In den siebzehn Jahren, die dazwischenlagen, sollten viele Mächtige dieser Erde gelernt haben, vor dieser Freundschaft zu zittern…
    »Deine Ente war aber auch nicht übel, Bastian«, sagte Thomas. »Wirklich nicht. Ich habe übrigens noch Götterspeise gemacht. Bedient euch. Ich kann nicht mehr. Wenn ich noch einen Bissen esse, falle ich um und bin tot!«
    Apropos tot…
    [S. 236-241]

    Ich hoffe, die Lektüre dieses Ausschnittes hat Euch Freude gemacht
    und vielleicht sogar dazu angeregt, irgendwann das ganze Buch zu lesen.

    Gourmandise

  10. […] Kaviar sein“* von Johannes Mario Simmel angenommen und serviert eine wortgetreu nachgekochte “Ente chinesisch” und ein Dessert namens “Götterspeise”. Das hat nix mit Wackelpudding zu tun – ich kenne etwas Ähnliches als “Errötendes […]


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